Bürohaus mit 5 Wohnungen Brandschenkestrasse Zürich

Umbau und Fassadenersatz

Adresse

Brandschenkestrasse 47

Erbaut

1977 von Werner Stücheli

Auftraggeber

Implenia Schweiz AG, Modernisation & Development

Leistungen

Projektierung, Ausführungsplanung, Gestalterische Leitung

Planung

2016–2017

Realisierung

2017–2018

Zur neuen Fassade des Geschäftshauses an der Brandschenke:

Zur Erinnerung: das Bürohaus Brandschenkestrasse 47 zeigte eine spätbrutalistische Fassade von grau und weinrot, die sich als Solitär aus ihrer Nachbarschaft heraushob. Ihre Reihungen und Stapelungen von Sichtbetonformteilen mit eingestanzten Luken erinnerte an Jean Prouvés Paneele. Sie kragte örtlich wie die Kommandobrücke eines Tragflügelboots aus, machte ihr Bürointerieur zur Lounge wie im Grossraumflugzeug. Die Bilder und Programmatiken der Bauzeit sind inzwischen so verblichen wie die Technik unzuverlässig geworden ist. Welche Dichtung ist noch intakt, welches Paneel unzerfressen, und wie funktionierte die Fassaden-entwässerung? Eine Restaurierung der Fassade versprach jedenfalls unabsehbare Ver-strickungen und darum entschloss man sich zur Erneuerung. Aber wie macht man eine neue Fassade über einer bestehenden Struktur? Im Katalog technischer Möglichkeiten findet sich alles von Mauerwerk über Vorhangfassade bis zum Vollwärmeschutz hinter Verkleidungen. Und der städtische Kontext oder die entwerferischen Programmatiken des bestehenden Baus gaben Argumente für eine retrogradierende so gut wie für eine futuristische Richtung. Was ist zu tun.

Die Büroräume für eine heutige Arbeitswelt zu ertüchtigen, bedeutet, die galeerenhafte Anmutung ihrer enggereihten Fenster aufzulösen um eine freie, grosszügige Fensterreihung einzuführen. Deren Zwischenstücke, horizontal und vertikal, sind zu dämmen. Diese Dämmung gibt der Fassade ihre Schichttiefe. Für die Vorsatzschale bleibt wenig Raum, darum sollte sie so dünn wie möglich aus Glasfaserbeton gemacht werden. Die Schicht zwischen dem technisch notwendigen Minimum von Dämmung und Hinterlüftung, dem legalen Maximum an der Baulinie und dem technischen Optimum dazwischen gibt den gestalterischen Spielraum vor. Die Fassade wird zum engen Kleid, das den körperlichen Vorgaben folgt, aber die Wirkung nicht behindert. »Ein jedes material hat seine eigene formensprache, und keines kann die formen eines anderen materials für sich in Anspruch nehmen. Denn die formen haben sich aus der Verwendbarkeit und herstellungsweise eines jeden materials gebildet, sie sind mit dem Material und durch das Material geworden.— Aus diesem Prinzip der Bekleidung stelle ich aber auch ein ganz bestimmtes gesetz auf, das ich das gesetz der Bekleidung nenne. (...) Es muß so gearbeitet werden, dass eine Verwechslung des bekleideten materials mit der Bekleidung ausgeschlossen ist.« sind Adolf Loos' ästhetische oder formenmoralische Grundsätze, formuliert am 4. September 1898.

Um Bekleidung zu sein, dürfen die Platten der Fassade also keine Steinschnitte imitieren, keine Verbände, Architrave und Gesimse, Stelen und Pilaster. Sie sind einzelne Bekleidungs-stücke, und jedes für sich ist mit Faltungen von Aufbordungen oder Abkantungen plastisch in Form gebracht. Ihre Plastik wird unterstrichen durch unterschiedliche Texturen. Sie sind von hinten nach vorn auf drei Ebenen gestaffelt neben- und übereinander montiert. Dann fügen sie sich zu Bändern und Flechtwerken, liniert von horizontalen Webkanten, zwischen denen die glänzenden Fensterflächen liegen und zusammen ergeben sie ein Muster, das sich auch über die Auskragung werfen lässt und damit den ganzen Bau einkleiden kann. Er fügt sich nun in seiner neuen sartorialistischen Eleganz diskret in die Reihe der Strassenwand und tritt daraus wieder hervor, als ein gültiger Repräsentant seiner selbst.

Text: Markus Grob

Bilder: Pit Brunner